Sie versuchen, das Programm doch noch zum Laufen zu bringen. Als alles nichts nützt, sagt Toni Inauen: «Ok, wir wissen ja, da kommt eine Gruppe mit acht Personen und noch eine Einzelperson. Wir warten einfach ab, dann werden wir sehen, ob jemand noch abgesagt hat oder alle kommen», sagt er. Die Pilgerinnen und Pilger willkommen zu heissen, ihnen die Küche und die Hausregeln zu erklären, allenfalls für ein kleines Entgelt einen Schlafsack zur Verfügung zu stellen, zuvor am Morgen die Betten vorbereitet zu haben, die Pilgerpässe abzustempeln: Das gehört zu den Aufgaben der Hospitaleros und Hospitaleras – den Gastgebern und Gastgeberinnen – der Pilgerherberge. 30 Personen teilen sich in St. Gallen diesen Dienst.
Dank dem Pass in die Herberge
Dann kurz vor 17 Uhr klingelt es an der Tür. Stimmengewirr, Lachen, schwere Wanderschuhe, die draussen im Flur auf den Boden fallen: Kurz darauf ist die kleine Küche voll. Von Rorschach nach St. Gallen hinaufgewandert seien sie, erzählt eine der acht Frauen aus der Gruppe, und fügt an, dass sie sich aus ihrem Dorf kennen und seit ein paar Jahren jedes Jahr einige Etappe des Jakobswegs, der von Süddeutschland in die Schweiz über St. Gallen führt, gemeinsam pilgern würden. Dann ein freudiges Lachen, als eine der Frauen erfährt, dass Teebeutel zur Verfügung stehen. Sie stellt sich gleich an den Herd. Die anderen schauen sich die Räume an: die drei Schlafzimmer mit insgesamt zehn Betten, die zwei kleinen Bäder, die Stube.
Toni Inauen trommelt alle in der Küche zusammen. Er erklärt, wo sich was in der Herberge befinde, was wie genutzt werden könne und wie die Gruppe abends wieder in die Wohnung hineinkomme, sollte es sie nochmals in die Stadt hinaus ziehen. Dann stempelt er die Pilgerpässe ab und notiert die jeweiligen Daten in einem Order. Der Pilgerpass hat gleich mehrere Funktionen: Er belegt die Pilgerreise, ermöglicht es, Pilgerherbergen überhaupt nutzen zu dürfen, und ist Voraussetzung für die offizielle Pilgerurkunde. Diese erhält, wer mindestens die letzten 100 Kilometer vor dem spanischen Santiago de Compostela zu Fuss gepilgert ist. Santiago ist nicht das Ziel der Frauengruppe. Vielmehr gehe es ihnen um die Gespräche unterwegs und um die Umgebung, die man zu Fuss einfach anders wahrnehme.
Euphorie und Erschöpfung
«Ankommen ist oft gleichermassen mit Freude und Euphorie, aber auch mit Erschöpfung verbunden», sagt Toni Inauen. Mit einigen der Pilgerinnen und Pilger hätten sich die spannendsten und längsten Gespräch übers Pilgern und Unterwegssein ergeben. Andere würden sich lieber gleich zurückziehen und bräuchten ihre Ruhe. Nach dem Empfang verabschieden sich die Hospitaleras und Hospitaleros daher meist rasch. Im Kühlschrank steht einiges für das Frühstück am nächsten Morgen bereit. Einen Bäcker gibt es gleich gegenüber der Herberge. Gestärkt geht es weiter mit dem Unterwegs sein.