«Meine eigene Oberstufenzeit habe ich schwierig in Erinnerung. Da gab es so viele Reibereien mit Gleichaltrigen und viel Herausforderndes», sagt Mathias Ress, katholischer Jugendarbeiter in Wattwil. «Zu Jugendlichen hatte ich daher lange ein zwiespältiges Verhältnis und hätte mir nie vorstellen können, einmal Jugendarbeiter zu sein. Heute liebe ich diesen Beruf.» Der 48-Jährige hat in den vergangenen Jahren abwechselnd als kirchlicher Jugendarbeiter und als Primarlehrer gearbeitet. Vor einem halben Jahr hat er die Stelle in der Seelsorgeeinheit Neutoggenburg angefangen. In den Beruf als Jugendarbeiter ist er hineingerutscht. Als er nach einem Studium vor 16 Jahren eine Stelle als Katechet anfing, hiess es, er würde auch zu einem grossen Teil mit Jugendlichen arbeiten. «Das hat von Beginn an ganz gut geklappt und mich immer mehr begeistert», sagt er.
Spontan zum Hot-Dog-Tag
Auch Vera Rösch, katholische Jugendarbeiterin in Widnau, Balgach und Diepoldsau, hat durch eine Weiterbildung zu ihrem heutigen Beruf gefunden. Als Diplompädagogin hatte sie ursprünglich mit Kindern mit einer Lernbehinderung gearbeitet oder mit Jugendlichen, die straffällig geworden waren. Als sie vor drei Jahren das Jobinserat bei der katholischen Kirche sah, bewarb sie sich und bekam die Stelle. «Wie lerne ich die Jugendlichen, Kinder und Familien überhaupt kennen?» Vor dieser Herausforderung sei sie bei Jobantritt gestanden und habe zusammen mit ihrer Arbeitskollegin die Idee zu einem monatlichen Hot-Dog-Tag gehabt. Frische Baguettes, verschiedene Saucen, frisches Gemüse und Wienerli: Beim Anrichten und gemeinsamen Essen können sich alle austauschen und kennen lernen. Spontan kommt vorbei, wer Lust und Zeit hat. Auf diese Weise entstehe ganz natürlich eine Gemeinschaft, sagt Vera Rösch. Zudem gebe es Treffs für Jugendliche, einer speziell für Mädchen. «Steht ein spezielles Projekt an wie Sternsingen, kann ich die Kinder und Jugendlichen dort oder am Hot-Dog-Tag spontan fragen, ob sie dabei sind. Das ist ein grosser Vorteil für mich.»
Begleiten, nicht belehren
Doch was braucht es, damit Jugendarbeit funktioniert und Mitarbeitende und Jugendliche sich auf Augenhöhe begegnen? «Jugendliche sind in erster Linie lebendig, echt, direkt, kritisch und wollen Antworten», sagt Mathias Ress. «Sie möchten aber nicht belehrt, sondern begleitet werden. Für mich funktioniert das nur, wenn ich nichts vorspiele, sondern ich selbst bin und ihnen die Werte vermittle, die ich wichtig finde.» Für Mathias Ress gehören dazu, sich im Vertrauen vor allem auf Gott sowie in Momenten der Ruhe zu üben. «Ich kann das nur vorleben oder von den Erfahrungen erzählen, die ich in meinem Leben bisher gemacht habe.» Als Beispiel nennt er das Thema Verlust. Er könne den Jugendlichen etwa davon erzählen, was ihm geholfen habe, als er jemandem verloren habe. «Aber belehren oder leere Ratschläge geben, das kommt nicht gut an», sagt er.
Werte vermitteln
«Als Jugendarbeiterin muss ich nicht immer gleich eine Lösung anbieten», sagt Vera Rösch. Das habe sie mit der Zeit gelernt. Wichtiger sei es, einen Jugendlichen bei der Lösungsfindung zu begleiten. «Ist man dabei nicht authentisch, nehmen die Jugendlichen einen nicht ernst», sagt sie. Als Vorbild oder als Freundin würde sie sich aber nicht beschreiben. Viel eher sei sie einfach jemand, der für die verschiedensten Anliegen der Jugendlichen da sei, indem sie transparent, ehrlich, respektvoll und verlässlich sei. Verlässlichkeit, Vertrauen, Toleranz, Offenheit und Nächstenliebe gehören für sie zu den wichtigsten Werten, die sie den Jugendlichen vermitteln möchte.
Glaubwürdig und echt
Die Arbeit als Jugendarbeiterin gebe ihr viel zurück, sagt Vera Rösch. Die vielen Fragen und die Sicht der Jugendlichen forderten sie immer heraus, umzudenken und flexibel zu sein. «Mich motiviert ausserdem, dass ich die Jugendlichen in einer Lebensphase begleite, in der viele Weichen gestellt werden», sagt sie. Auch Mathias Ress betont, wie ihn der Austausch und die Begegnungen mit den Jugendlichen motivieren. «Die neue Stelle habe ich erst wenige Monate und bereits habe ich eine Gruppe von rund 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen, die bei neuen Projekten mitmachen wollen», sagt er. «Das ist eine starke Rückmeldung, die mir bestätigt, wie wichtig es sei, im Austausch mit den Jugendlichen glaubwürdig und echt zu sein.»