Vom Winter fürs Leben lernen

Für Barbara Bieri ist das Winterpilgern ein Sinnbild fürs Leben, in dem es häufig darum gehe, das Innere mit eigenen Fähigkeiten ins Gleichgewicht zu bringen. Im Bild auf dem «Spitzenbühl» in St. Antönien in Graubünden. (Bild: zVg)

Pilgern funktioniert auch im Winter: Wieso das tiefer entspanne als eine ­Sommerwanderung, sagt Pilgerexpertin Barbara Bieri.

«Schnee kenne ich ja. Aber wenn es zum ersten Mal im Jahr schneit und anschliessend alles im Sonnenschein glitzert, ist das für mich jedes Mal wie ein Wunder», sagt Barbara Bieri. Die 31-Jährige aus Escholzmatt im luzernischen Entlebuch ist Wanderleiterin und bietet Pilgerreisen wie auf dem Jakobsweg an. Am 20. Januar besucht sie St. Gallen für einen Vortrag übers Pilgerreisen.

 

Winterwandern als Sinnbild

Wie sie einst bei Wintereinbruch die Meseta, das kastilische Hochland in Spanien, durchwanderte, gehört zu ihren eindrücklichsten Erlebnissen. «Die Natur ist dann so wunderschön und es fühlt sich anders an, unterwegs zu sein», sagt sie. Man treffe weniger andere Menschen, die einzelnen Etappen seien wegen der vielen geschlossenen Unterkünfte länger und oftmals fehle jegliche Infrastruktur. «Anders als im Sommer, in dem man sich treiben lassen und viele Pausen einlegen kann, bleibt man im Winter ständig in Bewegung. Die Pausen sind kurz», sagt sie. «Kommt man am Abend in der Unterkunft an, ist man noch dankbarer für das warme Essen und die gesamte Durchblutung ist unglaublich angekurbelt. Diese Kombination löst eine unendliche Ruhe tief in einem drinnen aus.» Für Barbara Bieri ist das Winterpilgern daher ein Sinnbild fürs Leben, in dem es häufig darum gehe, das Innere mit eigenen Fähigkeiten ins Gleichgewicht zu bringen. «Auch in unserem Alltag gibt es Projekte, auf die wir uns fokussieren müssen und uns nicht von äusseren Faktoren stören lassen dürfen. Oft lohnt es sich, an etwas dran zu bleiben.»

 

Jakobsweg statt Hawaii

An etwas dran zu bleiben oder sich auf etwas einzulassen, das im ersten Moment nicht einfach scheint, gehört zur Lebenseinstellung von Barbara Bieri. Das Pilgern ist so eine Sache. 100 Prozent Ablehnung habe sie dem Thema Pilgern gegenüber einst empfunden, sagt sie. Geändert hat sich das, als sie mit 22 Jahren an Narkolepsie erkrankte. Als Folge der unheilbaren, neurologische Schlafstörung setzte der Wach-Schlaf-Rhythmus aus. Menschen mit Narkolepsie werden tagsüber plötzlich so müde, dass sie mitten während einer Tätigkeit einschlafen. Ihrem Beruf als Fachfrau Gesundheit konnte sie nach der Diagnose nur noch stark erschwert nachgehen. So wollte sie die Zeit bis zu einer Umschulung mit einer Reise nach Hawaii oder Australien überbrücken. «Mein Arzt riet mir wegen der starken Medikamente strikt davon ab. Er meinte, es liege höchsten ein europäisches Nachbarsland drin. So dachte ich doch an den Jakobsweg.» Nach sorgfältiger Vorbereitung ging es im August 2018 los. Da sie unterwegs auf den 2000 Kilometern von Genf nach Santiago de Compostela zweimal täglich einen Powernap von 40 Minuten einlegen musste, verlor sie immer den Anschluss zu anderen Pilgergruppen. «Die hatten einen anderen Rhythmus und so war ich viel alleine unterwegs», sagt sie und fügt an, dass sie dafür viel mit sich selbst habe ausmachen können. Obwohl sie nicht dran geglaubt habe, habe der Jakobsweg sie verändert und in ihr den Traum, Wanderleiterin zu werden, wachsen lassen.

 

Neue Sichtweisen entdecken

Heute ist Barbara Bieri aus medizinisch unerklärlichen Gründen wieder gesund, wie sie sagt, und nicht mehr auf die Medikamente angewiesen. Sie arbeitet Teilzeit bei der Spitex und ist Teilzeit Wanderleiterin. Letztere Ausbildung hat sie einige Jahre nach ihrer Rückkehr vom Jakobsweg gemacht. «Auf dem Jakobsweg haben sich mir neue Sichtweisen eröffnet und so habe ich nach meiner Rückkehr nach weiteren Zufällen einen Naturheilpraktiker aufgesucht», sagt sie. Durch die Therapie, die sich aus Kinesiologie, Hypnose und täglichen Übungen zur Gedankenkontrolle zusammengesetzt habe, habe sie schliesslich die Medikamente absetzen können.

 

Bergbauernhof mitten im Wald

Ob Schnee, Erde, oder Gras: «Spüre ich Boden unter meinen Füssen, der nicht Asphalt ist, geht mir das Herz auf», sagt Barbara Bieri und erzählt von ihrer Kindheit auf einem abgelegenen Bergbauernhof umgeben von Wald, und von ihrer Freizeit, die sie immer draussen verbracht habe. «Seit meiner Kindheit fühle ich mich mit der Natur verbunden», sagt sie. Insbesondere der Winter lasse sie herunterfahren. «Das Verschneite und Weisse steht zugleich für Abschluss und Neuanfang. Das löst eine innere Ruhe in mir aus», sagt sie. «Wer winterwandert, muss sich ausserdem so auf die Umgebung wie Bodenbeschaffenheit oder Lawinensituation konzentrieren, dass man nicht wie sonst im Alltag ständig multitasken kann. Das entspannt.» Wer sich im Winterwandern auf eigene Faust einmal versuchen will, dem emfpiehlt sie Spikes für die Schuhe, zwei Stöcke, eine der Witterung angepasste Ausrüstung und für einen ersten Versuch eine kürzere Strecke in der Umgebung.

 

→ Pilgervortrag von Barbara Bieri, 20. Januar, 19 Uhr, Pfarreiheim St. Martin St. Gallen, barbara-bieri.jimdosite.com

Nina Rudnicki
Autorin
Veröffentlichung: 29.12.2025