Die Milchstrasse über dem Alpstein

Simon Kaufmann

Nachts um drei Uhr im Alpstein, der Toggenburger Simon Kaufmann ist mit seiner Fotokamera unterwegs, um den Sternenhimmel einzufangen. Dabei bekommt er mit, wie die zunehmende Lichtverschmutzung und Instagram die Nächte verändern.

Gewisse Fotos lassen sich nur während eines kurzen Zeitfensters im Jahr realisieren. Denn die Milchstrasse wandert im Laufe des Jahres über den Horizont„, weiss Simon Kaufmann. Damit aber auch wirklich ein Gutes Foto entstehen kann, müssen viele Faktoren stimmen. In klaren Nächten sei während der Leermondphase die Milchstrasse als ein schmales Band von blossem Auge zu erkennen. «Durch die Langzeitbeleuchtung können mit einer Kamera auf den Aufnahmen auch die Farben sichtbar gemacht werden und plötzlich zeigt sich die Milchstrasse in ihrer ganzen Pracht.» Wo was wann am nächtlichen Himmel zu sehen, erfährt Kaufmann von mehreren Apps auf seinem Smartphone. Doch ob es tatsächlich klappt, hängt von vielen Faktoren ab und ist dann doch fast wie ein Sechser im Lotto. Teilweise besucht er einen Ort über zehn Mal, bis er eine Aufnahme nach seinen Vorstellungen machen kann. «Oft steht einem nur ein kleines Zeitfenster von ein paar Minuten zur Verfügung, ich muss also perfekt vorbereitet sein», erzählt Simon Kaufmann, «wenn du diese Chance verpasst, musst du oft ein Jahr oder noch länger warten bis zur nächsten Gelegenheit.»

«Nachts unter dem Sternenhimmel wird einem bewusst, wie klein und unbedeutend wir eigentlich sind, es relativiert sich vieles.»

Simon Kaufmann

Den Gedanken ausgeliefert

Simon Kaufmann ist als Sozialpädagoge im Sonderschulheim Bad Sonder in Teufen tätig. Seit vielen Jahren verlässt er regelmässig seine Komfortzone, um die Nächte im Alpstein und in anderen Bergregionen der Schweiz zu verbringen. Nachts allein in den Bergen unterwegs zu sein, sei eine mehrfache Herausforderung: «Man schleppt viel Gepäck mit sich herum – das zehrt an den Kräften. Man ist allein mit sich und seinen Gedanken. Dabei hat man die Gelegenheit, um mit einem gewissen Abstand über alles nachzudenken. Gleichzeitig regiert man plötzlich ganz sensibel auf jedes Geräusch: der Wind, ein Fuchs, ein Bach … Wenn man zu wenig geschlafen hat oder psychisch oder physisch angeschlagen ist, muss man echt aufpassen, nicht in einen negativen Gedankenstrudel hineingezogen zu werden.» 

Wenn schon vor Mitternacht die Temperaturen drastisch fallen oder ein Sturm aufzieht, kann die Situation sehr schnell existentiell bedrohlich werden. «Man beginnt zu zählen: Es liegen noch acht Stunden vor mir, bis wieder die erste Bergbahn fährt. Bis dann bin ich ganz auf mich allein gestellt. Wenn etwas passiert, muss ich lange auf Hilfe warten.» Durch das Alleinsein verstärke sich die Intensität des Erlebens noch einmal. Trotzdem oder gerade deshalb sei bei Simon Kaufmann irgendwann das Bedürfnis entstanden, diese Erlebnisse mit anderen zu teilen: die nächtliche Atmosphäre, eine bekannte Silhouette im Mondlicht oder das, was oben am Himmel passiert. Inzwischen ist er bei seinen Abenteuern meistens mit seinem Foto-Equipment unterwegs. «Ich will mit meinen Fotos sichtbar machen, was man mit dem Auge zu wenig oder gar nicht sieht.» 

Milchstrasse über dem Säntis

Den Sternenhimmel retten

Auch Simon Kaufmann bekommt auf seinen Foto-Touren mit, wie die Nächte immer heller werden. «Wer vom Säntis nachts in Richtung Süden fotografiert, sieht einen riesigen Lichtkegel – die Lichter von Mailand», so Kaufmann. Auch die Stadt St.Gallen oder die Region Zürich seien als prägnante Lichtermeere sichtbar. «Es ist schon etwas befremdlich, wie von Menschen verursachte Lichtquellen die Dunkelheit verdrängen», sagt er. Die zunehmende Lichtverschmutzung mache es immer schwieriger, den Sternenhimmel zu betrachten, teilweise seien Deep-Sky-Beobachtungen – die Beobachtung von astronomischen Ereignissen ausserhalb des Sonnensystems – von gewissen Standorten aus gar nicht mehr möglich. Mit einer Umkehr dieser Entwicklung ist wohl nicht zu rechnen. «Der Nachthimmel ist voll von blinkenden Flugzeugen und Satelliten. Und jetzt hinterlässt auch noch Elon Musk mit seinem Satelliten-Projekt seine Spuren.» Geplant sind einige 10’000 Satelliten. In der Schweiz gebe es heute nur noch vereinzelte Regionen, in denen der Nachthimmel nicht von künstlichen Lichtquellen gestört werde. «Vals im Bündnerland und der Grimselpass sind eine der letzten.» Eine weltweite Bewegung von Fotografen und Astronomen versucht mit Online-Aktionen und dem Hashtag #save_our_night_sky auf das Problem Lichtverschmutzung hinzuweisen. Auch Simon Kaufmann unterstützt diese Initiative. «Müssen wir wirklich jede Strasse die ganze Nacht hindurch beleuchten? Auf manchen ist oft stundenlang kein Auto unterwegs.» Inzwischen gebe es ja technische Alternativen für eine effizientere Beleuchtung.

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«Warum um die halbe Welt fliegen, wenn die schönsten Flecken direkt vor der Haustür liegen?»

Simon Kaufmann

Direkt vor der Haustür

Kaufmanns Leidenschaft für die Fotografie habe sich aus der Faszination am Draussensein entwickelt: «Mich fasziniert die Schönheit und die unendliche Vielfalt der Ostschweizer Landschaft, der Tier- und auch der Pflanzenwelt in nächster Umgebung. Ich liebe es, die Naturgewalten zu spüren», sagt er, «oft werde ich dabei richtig demütig.» Während andere Fotografen jede Gelegenheit nutzen, um am anderen Ende der Welt auf Fotopirsch zu gehen, sucht Simon Kaufmann lieber Bijous in seiner Heimat. «Warum um die halbe Welt fliegen, wenn die schönsten Flecken direkt vor der Haustür liegen?» Der Sozialpädagoge lebt heute in Appenzell. «Wer das Abenteuer sucht, findet dieses auch auf der Ebenalp.» Auch bei seinen Foto-Workshops, die Kaufmann regelmässig anbietet, führt er die Teilnehmer in den Alpstein. «Mir ist es wichtig, dass ich den Teilnehmern nicht nur in die Nachtfotografie einführen kann, sondern dass sie die Umgebungen mit allen Sinnen bewusst erleben.» 

Geheimtipps bleiben geheim

Durch Instagram boomt die Landschaftsfotografie, es sind immer mehr Menschen mit der Kamera unterwegs – auch in der Nacht. Simon Kaufmann postet seine Bilder auf Instagram und Facebook, um andere an seinen Beobachtungen teilhaben zu lassen. Auch er selbst hat Instagramkanäle von anderen Naturfotografen abonniert. Doch er bezeichnet diese App als Fluch und Segen zugleich. «Es ist toll, dass man so ganz einfach Fotos miteinander teilen kann und auf schöne Flecken aufmerksam wird.» Doch oft mausert sich ein Geheimtipp innerhalb kurzer Zeit zum «Hotspot». Das Foto geht viral und Fotografen aus der ganzen Welt stürzen sich wie Heuschrecken darauf. Dabei wird dabei nicht nur die Atmosphäre des Ortes gestört, sondern auch die Natur geschädigt. «Ich würde mir da von den Fotografen mehr Verschwiegenheit wünschen. Nur so kann der Zauber eines Ortes bewahrt werden.» Er selbst sei sehr zurückhaltend mit der Preisgabe von genauen Ortsangaben. «Und wenn, dann bekommen diese Angaben nur Personen, bei denen ich ein gutes Gefühl habe.» 

Stephan Sigg

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