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Jubla

Jetzt rettet die Prinzessin den Prinzen

Keine Diskri­m­inierung von Trans­gen­der und non-binären Per­so­n­en und Nein zu Geschlechterk­lis­chees. Die St.Gallerin Sil­ja Balmer (25) hat am neuen Jubla-Grund­la­gen­pa­pi­er «Gen­der» mit­gear­beit­et. Die katholis­che Kinder- und Jugen­dor­gan­i­sa­tion will damit mehr Bewusst­sein für die Geschlechter-Vielfalt schaffen.

«Wir wollen in der Jubla Kindern und Jugendlichen eine ganzheitliche Entwick­lung ermöglichen und die Entwick­lung
der Geschlecht­si­den­tität ist ein wichtiger Teil davon», sagt Sil­ja Balmer, ehe­ma­lige Scharlei­t­erin beim Blau­r­ing St.Gallen-Riethüsli. «Mir sind die The­men Gle­ich­berech­ti­gung und Vielfalt der Geschlechter­rollen per­sön­lich sehr
wichtig.» Deshalb hat es die Pflege­fach­frau sehr begrüsst, dass Jubla Schweiz im ver­gan­genen Jahr ihr Gen­der-Grund­la­gen­pa­pi­er über­ar­beit­et und die neuen wis­senschaftlichen Erken­nt­nisse aufgenom­men hat. Die Arbeits­gruppe, die das zwei­seit­ige Papi­er mit Unter­stützung von Exper­tin­nen und Experten bear­beit­ete, bestand aus zehn Jubla-Vertreterin­nen und ‑vertretern aus der ganzen Deutschschweiz. Neben Sil­ja Balmer war mit Michelle Agiatel­lo aus Eschen­bach SG eine zweite St. Gal­lerin dabei. 

«Für Jubla ist jedoch klar, nie­man­den auf sein biol­o­gis­ches Geschlecht zu reduzieren», betont Sil­ja Balmer. Wenn ein Kind oder ein Jugendlich­er* Trans­gen­der oder intergeschlechtlich (non-binär) ist, könne diese Per­son wählen, ob es sich bei Jung­wacht oder Blau­r­ing mehr zuge­hörig fühle.

Nicht nur zwei Geschlechter
Jubla ermöglicht Kindern und Jugendlichen nicht nur Gemein­schaft­ser­leb­nisse. Die Organ­i­sa­tion will auch ein Bewusst­sein für Gle­ich­berech­ti­gung ver­mit­teln und die Vielfalt der Geschlechter­rollen sicht­bar und erleb­bar machen. Das Grund­la­gen­pa­pi­er sen­si­bil­isiert dafür, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. «Es gibt Men­schen, die ihre Geschlecht­si­den­tität wed­er männlich noch weib­lich zuord­nen. Dieser Aspekt war im alten Grund­la­gen­pa­pi­er noch nicht zu find­en», so Sil­ja Balmer. In der aktu­al­isierten Ver­sion räumt Jubla selb­stkri­tisch ein, dass lokale Jubla-Ange­bote oft eine binäre Geschlechter­struk­tur wider­spiegeln. «Für Jubla ist jedoch klar, nie­man­den auf sein biol­o­gis­ches Geschlecht zu reduzieren», betont Sil­ja Balmer. Wenn ein Kind oder ein Jugendlich­er* Trans­gen­der oder intergeschlechtlich (non-binär) ist, könne diese Per­son wählen, ob es sich bei Jung­wacht oder Blau­r­ing mehr zuge­hörig fühle.

Buben kochen
Seit eh und je sind viele Ange­bote der Jubla geschlechter­ge­tren­nt. «Jung­wacht und Blau­r­ing sindin den let­zten Jahren nicht nur auf nationaler Ebene, son­dern auch in den Pfar­reien immer mehr zusam­mengewach­sen», weiss Sil­ja Balmer. Doch geschlechter­ge­tren­nte Grup­pen­stun­den sind vielerorts noch immer die Regel. Das sei auch nicht per se prob­lema­tisch. «Buben und Mäd­chen wer­den manch­mal ger­ade noch mehr mit Geschlechter­fra­gen kon­fron­tiert, wenn sie unter sich sind: Bei einem reinen Buben-Lager müssen auch die Buben Auf­gaben übernehmen, die sie son­st tra­di­tioneller­weise den Mäd­chen über­lassen wür­den wie zum Beispiel kochen und abwaschen», hält Sil­ja Balmer fest. «Bei geschlechtergemis­cht­en Lagern soll ver­mieden wer­den, dass die Buben automa­tisch die Zelte auf­bauen und alle Mäd­chen zum Blachen knüpfen eingeteilt werden.»

Stereo­type auf­brechen
Der Umgang mit Gen­der-The­men sorgt oft für kon­tro­verse Diskus­sio­nen. Doch die Rück­mel­dun­gen auf das neue Grund­la­gen­pa­pi­er seien mehrheitlich pos­i­tiv aus­ge­fall­en. «Inwiefern das Papi­er in den Scharen vor Ort the­ma­tisiert und umge­set­zt wird, hängt natür­lich von der Sen­si­bil­ität der Ver­ant­wortlichen ab. Da gibt es sich­er grosse Unter­schiede», sagt Sil­ja Balmer, «Aber das Papi­er ist ein Beitrag, damit alle das The­ma im Blick behal­ten.» In vie­len Scharen sei es schon länger Stan­dard, bei den ver­schiede­nen Anlässen und Aktiv­itäten Geschlechter­stereo­type aufzubrechen: «Das schlägt sich zum Beispiel auch auf die Lager­mot­tos nieder: Es wird darauf geachtet, dass auch weib­liche Märchen­fig­uren eine starke, aktive Rolle haben. Zum Beispiel ret­tet die Prinzessin den Prinzen und nicht umgekehrt.» In ihrer Schar gehe man sehr acht­sam mit Gen­der-The­men um. Die Jubla St.Otmar-Riethüsli set­zt unter anderem auf eine geschlechterg­erechte Sprache – in Briefen, aber auch in der mündlichen Kom­mu­nika­tion. Das Grund­la­gen­pa­pi­er wurde an der Bun­desver­samm­lung im Herb­st 2020 ver­ab­schiedet – ohne Gegenstimme.


Jubla-Haltungspapier Gender

«Wir nehmen unsere gesellschaftliche Mitver­ant­wor­tung wahr, die wir als Kinder- und Jugend­ver­band bei Geschlechterthe­men haben. Wir anerken­nen die Vielfalt von Geschlecht­si­den­titäten und machen diese Vielfalt sicht- und erleb­bar, sodass sich jede Per­son willkom­men fühlt. Wir fördern die Gle­ich­stel­lung aller Geschlechter und verurteilen jede Form von Benachteili­gung auf­grund des Geschlechts.» (aus dem Jubla-Haltungspapier«Gender»)

Zum Hal­tungspa­pi­er Gender


Text: Stephan Sigg
Bild: zvg

Jugendtreff Westhouse

Darf die Jugend Krawall machen?

Welchen Platz hat die Jugend in der Gesellschaft? Und wie ist es, während der Pan­demie jung zu sein? Darüber disku­tieren die 14-jährige Jean­nine Für­er und ihr Gross­vater Ger­hard Led­erg­er­ber im Gos­sauer Jugendtr­e­ff Westhouse.

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Pater Stephan Dähler

Marienburg: Adieu nach 93 Jahren

Die Tage in Thal SG sind für die Steyler Mis­sion­are gezählt: Nach 93 Jahren wer­den sie die Marien­burg aufgeben. Wie es genau mit den sieben Patres weit­erge­ht, sei noch nicht entschieden.

«Momen­tan wer­den ver­schiedene Optio­nen geprüft», sagt Pater Stephan Däh­ler. Die Her­aus­forderung sei, eine Lösung zu find­en, die sowohl für die jün­geren wie für die älteren Patres passt. Was fest­ste­ht: Der Ver­trag für das Gebäude läuft Ende Okto­ber aus (siehe Kas­ten). Auch wenn die Steyler Mis­sion­are kün­ftig keine grössere Nieder­las­sung im Bis­tum St.Gallen mehr haben wer­den, wollen sie weit­er­hin in der Seel­sorge im Bis­tum tätig sein. «Beson­ders in den Pfar­reien der Seel­sorgeein­heit Buech­berg, zu der die Marien­burg gehörte, wollen wir weit­er­hin präsent sein», betont Pater Stephan. Eine Option sei, dass die Patres kün­ftig dezen­tral in Woh­nun­gen leben. «Diese Lösung reibt sich aber mit dem Gemein­schafts­gedanken», räumt Pater Stephan ein.

Steyler Missionare verlassen die Marienburg Thal
Auf dem Gelände der Marien­burg soll neuer Wohn­raum entstehen.
Marienburg Thal
Pater Stephan Dähler
Pater Stephan Däh­ler wird auch kün­ftig als Seel­sorg­er im Bis­tum tätig sein.


Mis­sion­ar­ische Arbeit
Stephan Däh­ler, aufgewach­sen in Gais AR, ist selb­st ehe­ma­liger Schüler der Marien­burg. Heute ist der The­ologe Prov­inzial (Leit­er) der Mit­teleu­ropäis­chen Prov­inz der Steyler Mis­sion­are und pen­delt zwis­chen Wien und Thal. Auss­er im Mis­sion­shaus St.Gabriel (bei Wien), wo über 40 Mis­sion­are zusam­men­leben, gibt es in der ganzen Prov­inz ver­streute Nieder­las­sun­gen. «Auch an anderen Stan­dorten von uns in Frankre­ich, Kroa­t­ien und Öster­re­ich sind wir mit der Zukun­fts­frage beschäftigt», sagt er. Vor kurzem sei eine Nieder­las­sung bei Salzburg aufgegeben wor­den. «Man muss real­is­tisch sein: Die Zeit der grossen katholis­chen Gemein­schaften ist vor­bei», sagt er. In der Ostch­weiz seien die Steyler Mis­sion­are heute fast zu hun­dert Prozent in der Pfar­reiseel­sorge tätig. «Das ist eine Her­aus­forderung für die konkrete Gestal­tung des Gemein­schaft­slebens. Dieses ist ein wichtiger Pfeil­er für unser mis­sion­ar­isches Wirkens vor Ort.»

Marienburg Thal
Auf dem Gelände ste­hen die ältesten Mam­mut­bäume der Schweiz.

Älteste Mam­mut­bäume
Sieben Patres leben zurzeit noch in der Marien­burg, früher waren es auch schon mal über 25. Über neun­zig Jahre waren die Steyler Mis­sion­are in Thal SG präsent. 1929 kauften sie die Wein­burg und gaben ihr den Namen Marien­burg. Bis 2012 wurde die Inter­nats- und Tagess­chule von ein­er Stiftung geführt. Im Park der Marien­burg ste­ht der älteste Mam­mut­baum der Schweiz. Er wurde 1858 von der Köni­gin Vik­to­ria in Eng­land der dama­li­gen Besitzerin, dem Fürsten­haus Hohen­zoller-Sig­marin­gen geschenkt. Aus dieser Zeit stammt der Park. Aktuell ist im Gebäude des ehe­ma­li­gen Schul­be­triebes der Trägervere­in Inte­gra­tionspro­jek­te des Kan­tons St.Gallen (TISG) eingemietet welch­er darin unbe­gleit­ete min­der­jährige Asyl­be­wer­ber unter­bringt. Nun soll hier neuer Wohn­raum entste­hen. 2016 kaufte die Indus­triehold­ing Men­zi Muck Gruppe AG mit Sitz in Kriessern das Anwesen.

Am Pfin­gst­mon­tag soll der öffentliche Abschieds­gottes­di­enst mit anschliessen­dem Fest gefeiert wer­den. «Wir hof­fen, dass es bis dann trotz Coro­na-Sit­u­a­tion wieder möglich ist, mit ein­er grösseren Gemein­schaft zu feiern, sodass auch viele der ehe­ma­li­gen Marien­burg-Schü­lerin­nen und ‑Schüler dabei sein kön­nen», so Pater Stephan.

Kapelle Marienburg Thal
Kapelle der Marien­burg Thal

Prä­gend für das Bistum

Felix Bischof­berg­er, Präsi­dent des Steyler Fre­un­deskreis­es, beze­ich­net das Ende der Marien­burg als Zäsur für die Region, aber auch für das Bis­tum. «Diese Entwick­lung hat sich abgeze­ich­net, alle kon­nten sich darauf vor­bere­it­en», sagt er, «trotz­dem ist es ein emo­tionaler Moment.» Die Marien­burg habe nicht nur das Bis­tum St.Gallen, son­dern die gesamte Kirche der Deutschschweiz geprägt. «Viele ehe­ma­lige Schüler sind heute als Seel­sorg­er tätig oder engagieren sich frei­willig in ihren Pfar­reien. Und auch in vie­len Pfar­reiräten und Kirchen­ver­wal­tun­gen sind ehe­ma­lige Schüler vertreten.» Zu den ehe­ma­li­gen Schülern gehören zum Beispiel auch Bischof Markus Büchel. «Unser Vere­in hat 1300 Mit­glieder. Es wäre ein gross­er Ver­lust, dieses Net­zw­erk aus­laufen zu lassen. Wir haben uns deshalb schon vor vier Jahren bewusst dafür entsch­ieden, den Vere­in in die Zukun­ft zu führen.» Der Alum­ni-Vere­in wurde zum Steyler-Fre­un­deskreis weit­er­en­twick­elt. «Auf diese Weise soll es möglich sein, unab­hängig von der Marien­burg auch kün­ftig die wichtige Arbeit der Steyler Mis­sion­are zu unter­stützen – in der Schweiz, aber auch bei ihren zahlre­ichen Pro­jek­ten in Asien, Afri­ka und Südamerika.»

Marienburg Thal
Die Schule in der Marien­burg wurde 2012 geschlossen.
Steyler Missionare verlassen die Marienburg Thal
93 Jahre lebten die Steyler Mis­sion­are in der Marien­burg Thal
Steyler Missionare verlassen die Marienburg Thal

Text: Stephan Sigg, Bilder: Ana Kontoulis

Geht nicht, gibt’s nicht

Seit ihrer Kind­heit ist Margrit Hunold-Schoch mit der Kirche ver­bun­den – und mit Beizen. Die 58-jährige aus dem Linthge­bi­et ist 2021 die höch­ste St.Galler Katho­likin. Sie freut sich auf leb­hafte Debat­ten im Parlament.

Wie kommt es, dass man im Alter von 58 Jahren uner­wartet seine Pfer­deliebe ent­deckt? Braucht man ein «Beizen»-Gen, um in einem Casi­no zu arbeit­en? Und wie wird man poli­tisch, lernt zu disku­tieren und Lösun­gen auszuhan­deln? Margrit Hunold-Schoch ist 2021 Par­la­mentspräsi­dentin des Katholis­chen Kon­fes­sion­steils des Kan­tons St.Gallen.

Wer mit der Tscher­lerin über ihr neues Amt spricht, dem stellen sich unter anderem diese Fra­gen. Der spricht also unweiger­lich auch über eine Tier­ret­tungsak­tion der drei Töchter, einen Gross­vater mit eigen­er Wirtschaft und Eltern, die sich durch Ein­satz und Behar­rlichkeit ihre Träume erfüll­ten. «Geht nicht, gibt es nicht. So lautete ein­er der Grund­sätze meines Vaters», sagt Margrit Hunold-Schoch und erzählt, wie sehr sie die Diskus­sion­skul­tur im Par­la­ment schätzt. Seit 2007 ver­tritt sie die Region Werdenberg/Sarganserland im Par­la­ment. Dort hat sie es sich beispiel­sweise zur Auf­gabe gemacht, während der Fusion­ierung der Pfar­reien zu Seel­sorge-ein­heit­en auf aus­geglich­ene Verteilschlüs­sel zwis­chen den einzel­nen Pfar­reien zu acht­en. Als Präsi­dentin möchte sie einen lebendi­gen Führungsstil in die Ses­sio­nen brin­gen und zu Debat­ten animieren.

Von Schwest­ern inspiriert

Aufgewach­sen ist Margrit Hunold-Schoch in Schä­nis. In einem Eltern­haus, das immer auch in das kirch­liche Leben einge­bun­den war. Als Jugendliche war Margrit Hunold-Schoch unter anderem Mit­glied der Schön­stät­ter-Mäd­chen­gruppe in Quar­ten. «Die Begeg­nun­gen mit den Schön­stät­ter-Marien­schwest­ern gehörten damals für mich zu den ein­drück­lich­sten. Die Schwest­ern kon­nten mir ger­ade bei weltlichen The­men weit­er­helfen, wie ich es nie erwartet hätte. Etwa wenn meine Gefühlswelt wieder ein­mal durcheinan­derg­er­at­en war», sagt sie.

Nach Tscher­lach bei Walen­stadt zog Margrit Hunold-Schoch später zusam­men mit ihrem Mann. Dort wurde sie ange­fragt, ob sie sich zunächst als Aktu­ar­in, später als Präsi­dentin im Kirchen­ver­wal­tungsrat engagieren würde. Als die drei Töchter älter wur­den, kamen neue beru­fliche Her­aus­forderun­gen dazu. Aktuell arbeit­et sie als Per­son­allei­t­erin im Casi­no Bad Ragaz. Von dem Job erfuhr sie von einem Bekan­nten. «Er sagte zu mir, du magst doch Her­aus­forderun­gen. Und du hast eine Beziehung zum Gast­gewerbe durch deine Ver­wandtschaft. Der Job wäre wie gemacht für dich», erin­nert sich Margrit Hunold-Schoch und sagt: «Er hat­te Recht. Das Beizen-Gen habe ich schon geerbt.»

Welt voller Gegensätze

So sind es ger­ade auch die Gegen­sätze, der direk­te Kon­takt mit Men­schen, die sie faszinieren und die Kreise, die sich im Leben so oft schliessen: Die besinnliche Welt der Kirche und das bunte Treiben in der Gas­tronomie, wie sie es seit ihrer Kind­heit ken­nt, gehören für sie zusam­men. Und dann ist da noch die Geschichte mit den Pfer­den. Als ihre Töchter kür­zlich ein ver­wahrlostes Pferd ret­teten, beschloss sie spon­tan, mit dem Pferd Par­el­li-Train­ing zu besuchen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich ein-mal für Pferde inter­essieren würde», sagt sie. «Doch dann erin­nerte ich mich daran, wie doch einst auch mein Vater im Mil­itär­di­enst seine Liebe zu Pfer­den ent­deckt hat­te.» (nar)

Hermann Schmelzer Rabbiner

Rabbiner Schmelzer

Rab­bin­er Her­rmann Schmelz­er stand der Jüdis­chen Gemeinde in St.Gallen über 44 Jahre als geistlich­es Ober­haupt vor. Als engagiert­er Dialog­part­ner prägte er das Miteinan­der der Reli­gio­nen in der Ostschweiz. Er starb am 30. Novem­ber in St.Gallen.

«Ich habe Rab­bin­er Schmelz­er als beein­druck­enden Botschafter des Juden­tums erlebt», sagt Eve­lyne Graf, The­olo­gin und langjährige Redak­torin des Pfar­reifo­rums. Sie begeg­nete Rab­bin­er Schmelz­er als Jour­nal­istin und als The­olo­gin, in der Ethik­gruppe des Kan­tons und als Mit­glied der Christlich-Jüdis­chen Arbeits­ge­mein­schaft St.Gallen/Ostschweiz. «Mich hat seine tiefe religiöse und human­is­tis­che Bil­dung beein­druckt.» Roland Richter, ehe­ma­liger Präsi­dent der Jüdis­chen Gemeinde St.Gallen, schreibt im Nachruf im St.Galler Tag­blatt: «Sein wach­er Geist blieb Schmelz­er bis zulet­zt erhal­ten. Er beobachtete, über­legte, notierte auf Zetteln, die er immer auf sich trug, und kom­men­tierte. (…) Gerne emp­fahl er kon­tro­verse Büch­er und freute sich auf die anschliessende Diskus­sion darüber.»

Inter­re­ligiös­er Dia­log
«Typ­isch für Rab­bin­er Schmelz­er war auch seine Fröh­lichkeit», sagt Eve­lyne Graf, «das war nichts Aufge­set­ztes, diese Fröh­lichkeit wurzelte in ein­er tiefen Gottes­beziehung.» Der Inter­re­ligiöse Dia­log sei ihm ein wichtiges Anliegen gewe­sen. Er habe inten­siv die Schriften des Islams und des Chris­ten­tums studiert, um ein Ver­ständ­nis für die Posi­tio­nen der anderen Reli­gio­nen zu bekom­men. «Das beschränk­te sich bei ihm aber nicht nur auf die abra­hami­tis­chen Reli­gio­nen, son­dern er beschäftigte sich auch mit den asi­atis­chen Religionen.»

Von Malmö nach St.Gallen
1932 in Ungarn geboren, besuchte Schmelz­er die Rab­bin­er­schule in Budapest und die Ecole Rab­binique in Paris. 1958 wurde er als Reli­gion­slehrer nach Stock­holm berufen, studierte später in Lon­don. Im schwedis­chen Malmö erhielt Schmelz­er 1962 seine Ordi­na­tion als Rab­bin­er. 1968 wurde er schliesslich nach St.Gallen berufen. «Schmelz­er hielt die kleine und bedeu­tende jüdis­che Gemeinde durch Respekt, Öff­nung, Dia­log und ange­wandtes Juden­tum zusam­men», schreibt der Jour­nal­ist Yves Kugel­mann im Nachruf im jüdis­chen Mag­a­zin «tach­les». Sein Wis­sen über die Reli­gion­s­geschichte und die hebräis­che Sprache gab er auch weit­er, viele Jahre hat­te er einen Lehrauf­trag an der Uni­ver­sität St.Gallen und war Stu­den­tenseel­sorg­er. 2012 been­dete er seine Tätigkeit als Rab­bin­er. Schmelz­er war laut «tach­les» dien­stäl­tester Schweiz­er Rabbiner.

Ein­satz für Human­ität
Schmelz­er war von Anfang an Mit­glied der Christlich-Jüdis­chen Arbeits­ge­mein­schaft St. Gallen/Ostschweiz (CJA). Der Vere­in will mit Ver­anstal­tun­gen, Infor­ma­tio­nen und Begeg­nun­gen das gegen­seit­ige Ver­ständ­nis von Chris­ten und Juden fördern. Men­schen jüdis­chen und christlichen Glaubens sollen sich mit gegen­seit­igem Ver­ständ­nis und Respekt für die andere Glaubens­ge­mein­schaft begeg­nen, gemein­same Anliegen erken­nen und sich vere­int für Human­ität, Gerechtigkeit und Frieden ein­set­zen. Der aktuelle Präsi­dent der CJA St.Gallen, Pfar­rer Andreas Schwen­den­er, traf Rab­bin­er Schmelz­er nach dessen Pen­sion­ierung oft bei Spaziergän­gen in Rot­mon­ten. «Rab­bin­er Schmelz­er war stets über­aus zurück­hal­tend, sein span­nen­des Leben in der Öff entlichkeit pub­lik zu machen», so Schwen­den­er. Als er 2018 Schmelz­er bei einem Spazier­gang
traf, kon­nte er ihn zu einem spon­ta­nen Video-Inter­view motivieren.


Schwen­den­er und Schmelz­er sprechen im Video vor allem über the­ol­o­gis­che The­men wie die geschichtliche Wende zur Säku­lar­isierung und die daraus resul­tieren­den Vor- und Nachteile für die Reli­gio­nen. «Am Schluss erzählte Her­mann Schmelz­er auch von sein­er Zeit im kom­mu­nis­tis­chen Ungarn und der Ethik eines Rab­bin­ers in schwieri­gen Zeit­en», so Schwen­den­er, «Schmelz­er wusste, was die Neuzeit für die Reli­gio­nen an Her­aus­forderun­gen gebracht hat. Und er kon­nte sich trotz­dem für das Spez­i­fi sche ein­er Reli­gion ein­set­zen, auch wenn darin vieles unzeit­gemäss und skur­ril erscheint.» Bat­ja Guggen­heim, Co-Präsi­dentin der Jüdis­chen Gemeinde St.Gallen, sagte in einem Inter­view auf kath.ch zum Tod von Rab­bin­er Schmelz­er: «Wir haben einen Gesprächspart­ner, einen Denker und Forschen­den ver­loren. Her­rmann Schmelz­er war ein Fra­gen­der, ein kri­tis­ch­er Geist, eine her­aus­fordernde Per­sön­lichkeit und eine moralis­che Instanz.»

Stephan Sigg

Andrea Stauss

Umgekehrter Adventskalender

Vom 1. Dezem­ber bis Wei­h­nacht­en täglich ein Geschenk für andere ein­pack­en. Andrea Stauss will die Idee des «umgekehrten Adventskalen­ders» in St.Gallen etablieren. In diesem Advent führt sie das Pro­jekt zum ersten Mal durch: «Mit dem umgekehrten Adventskalen­der kann man Men­schen helfen, die von Armut betrof­fen sind.» 

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Brigitta Walpen und Theresia Weyerman leiten neu das "Haus der Stille"

Auszeit im Neckertal

Eine kleine Pen­sion mit spir­ituellem Charak­ter: So beschreiben There­sia Wey­er­mann und Brigit­ta Walpen das Haus der Stille. Seit Feb­ru­ar führen die bei­den die Unterkun­ft im ehe­ma­li­gen Kloster mit­ten in St. Peterzell.

Ins Haus der Stille geht, wer für ein paar Tage abschal­ten, medi­tieren und zur eige­nen Mitte find­en möchte. Das Gäste­haus hat vier Zim­mer. «Der Vorteil dieser Grösse ist, dass wir auf die indi­vidu­ellen Bedürfnisse der einzel­nen Gäste einge­hen kön­nen», sagt There­sia Wey­er­mann. Sie bietet im Haus der Stille ver­schiedene Exerz­i­tien­wochen an. Brigit­ta Walpen lädt Inter­essierte zu Feldenkraiskursen ein. «An welchen Ange­boten jemand teil­nehmen möchte, ste­ht allen Gästen frei», sagt Brigit­ta Walpen und fügt an: «Auch welch­er Reli­gion jemand ange­hört oder ob er oder sie kon­fes­sion­s­los ist, spielt keine Rolle. Wir fra­gen nicht danach.»

Langersehn­ter Traum

Zwei Jahre stand das Haus der Stille leer. Davor leit­eten dieses die Men­zinger Schwest­ern Paula Gasser und Vreni Büchel, bis sie in Pen­sion gin­gen. Brigit­ta Walpen kan­nte das Haus von einem Aufen­thalt vor vier Jahren. Bere­its damals waren die bei­den Schwest­ern auf der Suche nach ein­er Nach­folge. Brigit­ta Walpen inter­essierte sich für diese Auf­gabe, merk­te aber schnell, dass sie eine zweite Per­son für die Führung des Haus­es brauchen würde. Mit There­sia Wey­er­mann fand sie schliesslich eine Ver­bün­dete. Die bei­den Frauen hat­ten sich an ein­er Beerdi­gung im Kloster Namen Jesu in Solothurn ken­nen­gel­ernt und waren in losem Kon­takt geblieben. Nach einem gemein­samen Besuch in St. Peterzell beschlossen Brigit­ta Walpen und There­sia Wey­er­mann, sich beim Kirchen­ver­wal­tungsrat für die Hausleitung zu bewerben.

Fast schön­er als im Bernbiet

Ein halbes Jahr ist der Umzug von There­sia Wey­er­mann und Brigit­ta Walpen ins Haus der Stille nun her. Ihr Wag­nis bereut haben die bei­den nicht. Im Gegen­teil: Obwohl Brigit­ta Walpen und There­sia Wey­er­mann ihre Fam­i­lie und ihren Bekan­ntenkreis in Bern respek­tive im solothur­nischen Schö­nen­werd zurück­ge­lassen haben, fühlen sich die bei­den im Neck­er­tal wie zu Hause. «Mir gefällt es hier beina­he bess­er als im Bern­bi­et», sagt Brigit­ta Walpen und erzählt, wie sie während der kar­gen Win­ter­monate nach St. Peterzell zog und wenige Wochen später miter­lebte, wie die ganze Natur auf­blühte. Auch die Dorf­be­wohner­in­nen und ‑bewohn­er hät­ten sie her­zlich emp­fan­gen. «Das Klis­chee der ver­schlosse­nen Dör­fler stimmt ganz und gar nicht. Alle freuten sich, dass ins Haus der Stille wieder Leben zurück­gekehrt ist», sagt There­sia Weyermann.

Dass die Wieder­eröfl­nung vom Haus der Stille mit der Ver­bre­itung des Coro­n­avirus und dem Lock­down zusam­men­fiel, emp­fan­den die bei­den nicht als Dämpfer. So nutzten sie die Wochen während des Lock­downs, um sich einzuleben. Sie beschlossen, den Tag in gemein­sames Medi­tieren am Mor­gen und am Abend einzu­bet­ten, was sie auch in Zukun­ft so beibehal­ten wer­den. Hinzu kom­men die gemein­samen Mahlzeit­en. Die übrige Zeit ste­ht für die indi­vidu­ellen Auf­gaben zur Verfügung.

Ent­lang des Neckers

Nur wenn alle vier Zim­mer im Haus der Stille ständig belegt wären, kön­nten sich There­sia Wey­er­mann und Brigit­ta Walpen zwei Löhne aus­bezahlen. Die 61-Jährige There­sia Wey­er­mann arbeit­et daher zudem Teilzeit in der Altenpflege. Brigit­ta Walpen ist seit einem Jahr pen­sion­iert. Aus­gle­ich und Ruhe zu ihren Auf­gaben im Haus der Stille find­en die bei­den selb­st in der Natur der näheren Umgebung.

«Man braucht nur über die Strasse zu gehen und rechts abzu­biegen, schon ist man auf dem Rundweg dem Neck­er ent­lang», sagt Brigit­ta Walpen. There­sia Wey­er­mann fügt an: «Ausser­dem ist man mit dem öffentlichen Verkehr von St. Peterzell aus inner­halb ein­er Stunde fast über­all. Viele Besucherin­nen und Besuch­er sind erstaunt, wie gut erschlossen und abgele­gen zugle­ich das Haus der Stille liegt.» (nar)

Sandro Koch

«Die Existenzgrundlage brach weg»

Sar­ganser absolviert Spi­tal­prak­tikum in Buenos Aires

Der 26-jährige San­dro Koch aus Sar­gans will Pater wer­den und absolviert sein Noviziat in Argen­tinien. Ger­ade als die Coro­na-Pan­demie Südameri­ka erre­ichte, begann er ein Spi­tal­prak­tikum als Hil­f­spfleger in Buenos Aires.

«Mein Prak­tikum hat kurz vor den ersten Covid19-Fällen in Südameri­ka begonnen, ich habe die ver­schiede­nen Phasen der Pan­demie haut­nah miter­lebt», erzählt San­dro Koch. Als Hil­f­spfleger ist er im öffentlichen Spi­tal von Mar del Pla­ta im Süden von Buenos Aires im Ein­satz. «Unser All­t­ag war und ist weit­er­hin sehr durch die Pan­demie eingeschränkt. Bis Mitte Juni war es uns nicht erlaubt für einen Spazier­gang aus dem Haus zu gehen. Aus­flüge, Mess­be­suche, Ver­weilen am Strand und viele andere Freizeitbeschäf­ti­gun­gen in der Stadt sind nicht möglich. Zumin­d­est darf man sich nun hier in Mar del Pla­ta wieder zu Fuss ohne Ein­schränkun­gen – auss­er dem Tra­gen des Mund­schutzes – frei bewe­gen.» Das Land zu ent­deck­en oder Aus­flüge zu machen, sei weit­er­hin nicht möglich. «Nicht nur die Lan­des­gren­zen bleiben vor­erst geschlossen, son­dern auch der Verkehr zwis­chen den Prov­inzen und Städten ist stark eingeschränkt.»

Krisen­er­probt

Der Sar­ganser erlebe Argen­tinien momen­tan als ein Land, welch­es sich ein­er­seits der Gren­zen der Gesund­heitsin­fra­struk­tur bewusst sei und sich deshalb an die stren­gen Hygien­e­mass­nah­men halte, «ander­er­seits aber schon seit eini­gen Wochen langsam der Quar­an­täne müde wird und sich nach der Nor­mal­ität sehnt». «Dazu kommt die schwierige wirtschaftliche Lage, die viele Fam­i­lien belastet», hält San­dro Koch fest. «Die Men­schen in Argen­tinien sind aber Krisen­er­probt und dadurch vielle­icht etwas bess­er auf solche Momente vor­bere­it­et als wir in Europa.»

Ver­al­tete Infrastruktur

San­dro Koch bekommt bei seinem Prak­tikum im Spi­tal unmit­tel­bar mit, wie das öffentliche Gesund­heitssys­tem in Argen­tinien an ver­al­teter Infra­struk­tur und zum Teil auch an Mate­rial­man­gel lei­det. «Deshalb war vor allem zu Beginn der Pan­demie die Stim­mung anges­pan­nt und viele Pflegerin­nen waren sehr besorgt und unsich­er, weil sie schnell erkan­nten, dass das Gesund­heitssys­tem für eine Pan­demie dieses Aus­mass­es nur schlecht vor­bere­it­et war.» Schrit­tweise seien die Hygien­e­mass­nah­men im Spi­tal ver­schärft und laufend der Sit­u­a­tion angepasst wor­den. «Da in Mar del Pla­ta sich die Fal­lzahlen im niedri­gen ein­stel­li­gen Bere­ich belaufen und diese Patien­ten alle entwed­er zu Hause oder in pri­vat­en Kliniken der Stadt unterge­bracht wur­den, kam das öffentliche Spi­tal bis jet­zt noch ohne internierte Fälle davon. Man ist selb­stver­ständlich weit­er­hin vor­sichtig, doch die grosse Anspan­nung hat merk­lich abgenommen.»

Ungewis­sheit

«Über 90 Prozent der Covid19-Fälle in Argen­tinien wur­den bis jet­zt im Gross­raum Buenos Aires reg­istri­ert», so San­dro Koch, «deshalb traf es die Men­schen hier am härtesten. Durch die lange, bisweilen sehr strenge Quar­an­täneregelung brach vie­len, vor allem armen Men­schen, die Exis­ten­z­grund­lage weg. Diese Per­so­n­en und Fam­i­lien leben meist von der Hand in den Mund – sie leben von dem, was sie am Tag auf der Strasse verkaufen.» Während der Quar­an­täne sei diese Einkom­men­squelle fast ersat­z­los wegge­fall­en. «Auch für den Mit­tel­stand – und ich würde sog­ar sagen für die Ober­schicht – ist diese Zeit mit Ent­behrun­gen und Ungewis­sheit ver­bun­den. Denn neb­st der Pan­demie dro­ht Argen­tinien nach wie vor die Gefahr des Staatsbankrotts.»

Paraguay und Chile

Eine vorzeit­ige Rück­kehr in die Schweiz sei für den 26-Jähri­gen The­olo­gen nie ein The­ma gewe­sen: «Trotz allem habe ich mir hier immer sehr sich­er und in ein gutes soziales Umfeld einge­bet­tet gefühlt.» Wenn alles nach Plan läuft, wird San­dro Koch Mitte August nach Paraguay reisen, wo er das let­zte Semes­ter des Noviziats absolvieren wird. «Danach geht es nach einem Ferien­aufen­thalt in der Schweiz für eine Ver­tiefung mein­er the­ol­o­gis­chen Stu­di­en nach Chile. Ich darf diesen span­nen­den Kon­ti­nent also noch etwas weit­er und ver­tiefter kennenlernen.»

Stephan Sigg

San­dro Koch (ganz rechts) absolviert zusam­men mit anderen jun­gen Män­nern das Noviziat in Südamerika.

Wichtige Arbeit der Schönstatt-Bewegung

Der The­ologe San­dro Koch (26) entsch­ied sich «nach einem lan­gen Prozess der Suche sein­er per­sön­lichen Beru­fung», in die Schön­statt-Bewe­gung einzutreten und Schön­statt-Pater zu wer­den. Während seines Aufen­thaltes in Südameri­ka werde ihm deut­lich bewusst, wie wichtig die kar­i­ta­tive Arbeit der katholis­chen Bewe­gung sei: «Sie engagiert sich hier an mehreren Orten. In Argen­tinien leit­en die Schön­statt-Marien­schwest­ern Tagess­chulen und weit­ere Bil­dung­spro­gramme in ver­schiede­nen Armen­vierteln von Buenos Aires.» Daneben gebe es viele Aktio­nen von Jugendlichen, Fam­i­lien, Müt­ter­grup­pen, usw. die sich sozial engagieren. Viele dieser Pro­jek­te laufen auch in Zeit­en der Coro­na-Pan­demie weit­er. «Der Schön­statt-Bewe­gung kommt in der aktuellen Lage zugute, dass sie grund­sät­zlich laikal organ­isiert ist», sagt San­dro Koch, «so wer­den die soge­nan­nten «Laien» im Bewusst­sein für ihre kirch­liche Rel­e­vanz gestärkt und ermuntert, Kirche im Kleinen zu sein: In der Fam­i­lie, in der Ehe, in der Jugend­gruppe, in Müttergruppen.»

erscheint in der Pfar­reifo­rum Aus­gabe 8/2020

Arnold Benz

Im Staunen weit voraus

Hat die Astro­physik Gott über­flüs­sig gemacht? Anerkan­nte Wis­senschaftler wie der mehrfache Ehren­dok­tor Arnold Benz wieder­legen diese Aus­sage. Der ETH-Pro­fes­sor der Astronomie plädiert für eine Ver­söh­nung von Urk­nall und Schöpfung.

Die Astro­physik kommt der Null­stunde des Kos­mos immer näher. Wo haben ob all dieser Erken­nt­nisse Glaube, Schöp­fung und Gott noch einen Platz?
Arnold Benz: Andere Frage: Wo hat Kun­st, Trauer, Liebe und Ethik noch einen Platz? Man kann sie wed­er messen noch berech­nen. Sie alle haben mit dem men­schlichen Bewusst­sein zu tun. Sobald ein Men­sch an der Wahrnehmung teil­nimmt, wird sie von der Natur­wis­senschaft als sub­jek­tiv aus­geschlossen. Gott zeigt sich in den Erfahrun­gen unseres Lebens, wo er noch viel Platz hat. Die Welt ist gröss­er als die Natur­wis­senschaften wahrnehmen.

Eine Ihrer The­sen, die sich als Brück­en­schlag zwis­chen Schöp­fungs­glaube und physikalis­ch­er Kos­molo­gie ver­ste­ht, lautet: «Wer von Gott reden will, muss es mit men­schlichen Erfahrun­gen verbinden. Gott als Hypothese zur Erk­lärung des Natur­phänomens ist nicht beweis­bar und unnötig.» Weshalb darf Ihrer Mei­n­ung nach Gott nicht als Beweis­grund­lage für Natur­phänomene beige­zo­gen wer­den?
Wenn wir Gott in unserem Leben als gütig und über­wälti­gend erfahren, öff­nen sich unsere Augen für seine Spuren im Uni­ver­sum. Sie sind jedoch nicht von der Art, dass man daraus Gott berech­nen kön­nte etwa so wie die Winkel­summe im Dreieck. Es würde schlecht passen zu einem Gott, der von sich sagte: «Ich bin, der ich bin».

Was vor dem Urk­nall war, wis­sen Astro­physik­er nicht. Hat doch Gott das Uni­ver­sum geschaf­fen? Oder anders gefragt: Welche Daseins­berech­ti­gung hat Ihrer Mei­n­ung nach die Schöp­fungs­geschichte
nach Gen­e­sis?

Sonne, Mond, Erde und das meiste im Uni­ver­sum sind nicht im Urk­nall ent­standen. Die Geschichte des Uni­ver­sums ist eine faszinierende Abfolge von Vorgän­gen, durch die aus Chaos leben­snotwendi­ge Struk­turen gewach­sen sind. Das trit sich mit den Worten in Gen­e­sis 1, dass die Schöp­fung «gut» war. Mit «gut» ist gemeint, das Uni­ver­sum sei geord­net und wun­der­bar funk­tionell. Beson­ders schön finde ich den Gedanken, dass zum Schluss ein Tag der Ruhe und des Friedens fol­gt. Damit wird dem Kos­mos ein Ziel zuge­ord­net, das weit über die Astro­physik hinausreicht.


Gott zeigt sich in den Erfahrun­gen unseres Lebens, wo er noch viel Platz hat. Die Welt ist gröss­er als die Natur­wis­senschaften wahrnehmen.

Arnold Benz

Ihre Frau, Ruth Wiesen­berg Benz, ist Pfar­rerin. Wie brin­gen Sie die Span­nungs­felder Astro­physik und Glaube auf einen har­monis­chen Nen­ner? Muss man sich Ihre Ehe als ständi­ges Stre­it­ge­spräch
vorstellen?

Nein, wir stre­it­en nicht. Im Gegen­teil, wir haben uns – bei­de ver­witwet – gegen­seit­ig ange­zo­gen. Ich habe mich schon vor unser­er Heirat mit The­olo­gie befasst. Meine Frau ist mir im Staunen über das Uni­ver­sum weit voraus. Sie hat aus meinen Schriften Zitate aus­gewählt und zu einem gemein­samen Buch mit Bildern zusam­mengestellt. Es trägt den Titel «Wis­sen und Staunen».


Mal angenom­men Sie dürften Gott drei Fra­gen stellen, was er sich bei der Schöp­fung des Uni­ver­sums über­legt hat. Was wären dies für Fra­gen?
Ich möchte gerne wis­sen, ob es andere intel­li­gente Lebe­we­sen im Uni­ver­sum gibt und wenn ja: wo? Als zweites würde mich bren­nend inter­essieren, wie es kommt, dass die Vorgänge im Uni­ver­sum so fein abges­timmt sind, sodass es sich bis zur Entste­hung des men­schlichen Bewusst­seins entwick­eln kon­nte? Die abschliessende Frage wäre, wie weit das Uni­ver­sum jen­seits des für uns sicht­baren Teils geht. Auch wenn wir nicht wis­sen, wie gross das Uni­ver­sum ist: Fest ste­ht, in unser­er Galax­ie existieren vier­hun­dert Mil­liar­den Sterne. 

Haben Sie einen per­sön­lichen Lieblingsplatz, um den Ster­nen­him­mel zu beobacht­en?
Ich würde den Ster­nen­him­mel am lieb­sten auf Titan beobacht­en, dem grössten Mond des Plan­eten Sat­urn. Da gibt es zack­ige, hohe Berge aus Wassereis und Seen aus Methan. Der Him­mel ist allerd­ings etwas getrübt vom Dun­st aus Tholin-Aerosolen. Es ist auch recht kalt auf der Ober­fläche mit minus 180 Grad.

Welche som­mer­liche Ster­nenkon­stel­la­tion find­en Sie per­sön­lich beson­ders faszinierend?
Ich liebe das Stern­bild der Kas­siopeia, das grosse W am Him­mel. In der Ver­längerung des zweit­en Vs nach unten sieht man von blossem Auge die Androm­e­da Galax­ie. Links der Kas­siopeia liegt Perseus mit ein­er Dunkel­wolke, in der ich einige Male mit dem Her­schel-Wel­traumte­leskop
Sterne beobachtet habe, die am Entste­hen sind.


In welchen Momenten fühlen Sie sich inmit­ten des Uni­ver­sums beson­ders klein?
Immer dann, wenn ich mir vor Augen führe, wie wenig wir immer noch vom Uni­ver­sum verstehen. 

Ros­alie Manser

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