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Aus dem Pfarreiforum.

Charlie Hebdo – danach

Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo war ein Schock. Aber was da in erschreckender und explosiver Form ablief, war keinesfalls erstmalig. Schon Lessing meint: «Dass Sokrates Prediger der Wahrheit sei, sollten auch seine Feinde bezeugen. Und wie hätten sie es bezeugen können, als dass sie ihn töteten?» Wenn man gegen die Wahrheit nichts ausrichten kann, macht man diejenigen mundtot, die für sie eintreten. So erging es auch Stefanus, dem ersten Märtyrer der Kirche. Aber immer ist solche Gewalt ein Eingeständnis der eigenen Kapitulation. Natürlich kommt es darauf an, wie man die Wahrheit vermittelt. Denis Diderot, ein Schriftsteller der Aufklärung, meinte, dass man sie dem andern wie einen warmen Mantel umhängen oder wie einen nassen Lumpen ins Gesicht schlagen könne.

Nasser Lumpen
Die Satire und die Karikatur benützen eher den nassen Lumpen. Dieser kann manchmal angebracht sein, wenn das Gegenüber um keinen Preis in den warmen Mantel hineinschlüpfen will. Aber es muss Rücksichten geben und Regeln, wie man mit dem nassen Lumpen dreinschlagen soll, ohne dass dieser dem andern das Gesicht vollends verunstaltet. Die Absicht auch eines Spottgedichtes oder einer Karikatur soll doch sein, in überspitzter, womöglich kunst- und humorvoller Form, die Wahrheit kenntlich zu machen. Diese muss auch nicht immer als Negativfolie aufscheinen. Ich sah kürzlich eine Karikatur von Papst Franziskus. Da sind fünf Stühle nebeneinander aufgereiht. Einer davon ist kleiner und einfacher als die andern. Franziskus geht auf diesen zu und sagt: «Ich nehme den da!»

Beissender Humor
Als ich in Innsbruck studierte, wohnte ich im Canisianum. Das war ein Haus, welches damals fast zweihundert Theologiestudenten aus vierundzwanzig Ländern der Erde beherbergte. Einmal im Jahr gab es einen Anlass, der sich «Floh» nannte. Der Floh ist ein Wesen, das beisst. Zu diesem Abend wurden die Professoren der theologischen Fakultät eingeladen, damit man ihnen einmal den Spiegel vor die Augen halten konnte, natürlich einen Spiegel, der ein verzerrtes Bild wiedergab. Es gab Professoren, die nicht erschienen, um sich nicht dem böswilligen Gericht ihrer Studenten ausliefern zu müssen. Andere kamen und wären frustriert gewesen, wenn man sie nicht «drangenommen» hätte. Wort und Bild (wie bei den Basler Schnitzelbängglern) oder eine Szene brachten die dunklen Stellen der Professoren ans Licht. So erinnere ich mich an eine Szene, die angesagt wurde mit «Professor Rahner und gesammelte Werke». Dann lief ein Student über die Bühne, vollbepackt mit den Büchern, die aus der Feder von Rahner gefl ossen waren. Als nächste Szene wurde angekündigt: «Professor Hofbauer und gesammelte Werke». Dann stolzierte einer über die Bretter, der auf dem Zeigefi nger ein einziges Blatt balancierte. Besagter Professor stand auf und ging trotzigen Schrittes nach Hause (wahrscheinlich um dort ein Buch zu schreiben).

Kunst der Karikatur
Sicher, die spitze Feder soll den andern nicht fertig machen. Der andere soll aber auch die literarische Gattung der Karikatur anerkennen und nicht allzu schnell in die Haut der beleidigten Leberwurst schlüpfen. Da gibt es aber noch eine sehr sympathische Art der Persiflage, wenn sich einer selbst zur Karikatur macht und gerade so die andern auf ihre eigenen Schwächen hinweist. Es ist der Clown, der immer wieder über die eigenen Füsse stolpert und mir sagt: Was du in mir belächelst, steckt eigentlich in dir. «Selig jene, die über sich selber lachen können; sie werden sich nie langweilen» (frei nach Mt 5).

Alfons Sonderegger, St.Gallen
Pfarrer i. R.

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