10-2015 Wie eine religiöse WG

«Jetzt ist er total verrückt geworden!» – so oder ähnlich hätten manche Freunde und Bekannte reagiert, als Kletus Hutter ihnen mitteilte, dass er für drei Jahre als «Bruder auf Zeit» ins Kloster gehe. «Es ist erstaunlich, dass heute noch immer viele Menschen das Kloster mit Regeln, dem Verlust von Freiheit oder gar Gefängnis gleichsetzen.» Filme wie «Der Name der Rose» hätten offensichtlich nachhaltig geprägt. «Doch für alle, die mich gut kennen, kam dieser Entscheid überhaupt nicht überraschend.»

«Natürlich reift eine solche Entscheidung über längere Zeit», sagt Kletus Hutter an diesem Herbstvormittag auf der Terrasse des Klosters, mit Blick auf den Zürichsee. «Aber man schiebt das immer wieder vor sich her, oder es war nie der passende Moment da. Eines Tages bin ich dann auf ein Werbeplakat der Kapuziner für ‹Bruder auf Zeit› gestossen. Das war für mich die Initialzündung.» Er unterzeichnete den Vertrag, drei Jahre als «Bruder auf Zeit» im Kloster Rapperswil zu leben und den Alltag mit den neun Brüdern und zwei Menzingerschwestern kennenzulernen.

Bodenständig
Seit zwei Jahren ist der 44-Jährige nun im Kloster Rapperswil. Er nimmt verschiedene Aufgaben wahr: Die Kirche putzen, Dienst im Klosterladen, an der Pforte, Gäste betreuen oder Seelsorgegespräche führen. Das Kloster ist inzwischen zu seinem neuen Zuhause geworden. «Die Umstellung vom Leben im eigenen Single-Haushalt in die Klostergemeinschaft schaft ist mir überraschend leicht gefallen», sagt er. Sehr schnell habe er sich in die Tagesstruktur eingelebt. «Das ist ähnlich wie bei der Bildung einer WG. Jeder hat seine Aufgaben und seinen Platz.» Schmunzelnd räumt er ein: «Ich war halt schon immer der Lagertyp. Manchmal erinnert mich der Alltag hier ein bisschen an ein Skilager.» Warum hat er sich gerade für das Kloster Rapperswil entschieden? «Mir gefällt der bodenständige und unkomplizierte Lebensstil der Kapuziner», so der «Bruder auf Zeit». «Rapperswil ist ein Kloster zum Mitleben. Die Klostergemeinschaft nimmt Gäste für eine Woche oder länger auf. Da gibt es interessante Kontakte.» Er erinnert sich noch gut an einen seiner ersten Aufenthalte bei den Kapuzinern in Rapperswil, damals selbst als Gast. «Kaum war der Gottesdienst vorbei, half ich dem Priester, der die Messe vorher feierte, beim Putzen der Kirche. Das beeindruckte mich.» Von Anfang an habe er die Gemeinschaft als offen und gastfreundlich erlebt. «Man ist hier defi nitiv nicht fern der Welt, sondern mitten drin.» Fast täglich besuchen Gäste das Kloster. «Das ist einer der Unterschiede zu meiner bisherigen Tätigkeit in der Pfarrei: In der Pfarrei muss man aktiv auf die Leute zugehen und Vertrauen aufbauen, bis sie zu einem kommen. Das Kloster Rapperswil geniesst offensichtlich sehr viel Vorschussvertrauen. Die Menschen kommen von sich aus und suchen die Begegnung oder einen Rat.»

Intensivere Begegnungen
Kletus Hutter schätzt, dass ihm das Leben im Kloster mehr Raum für Spiritualität und zum Meditieren ermöglicht und dies in einer Regelmässigkeit. «Als ich noch in der Pfarrei tätig war, waren die kirchlich geprägten Zeiten wie der Advent oder die Fastenzeit vollgepackt mit Aktivitäten. Hier im Kloster kann ich diese Zeiten ganz anders erleben.» Doch nicht alle Erwartungen wurden bisher erfüllt: Der Rheintaler hoffte, im Kloster Gott noch intensiver in der Stille zu begegnen. Passiert ist etwas Anderes: «Die Begegnungen mit den Menschen wurden intensiver. Da entdecke ich ihn öfter. Im Theologiestudium wird einem immer wieder eingebläut, dass Gott uns in den Menschen begegnet. Das sagt sich so leicht. Aber erst hier im Kloster ist bei mir der Groschen gefallen – eigentlich absurd!»

Kutte mitbringen
Das Klosterleben ist für Bruder Kletus kein Rückzug aus der Welt. Jede Woche hat er einen freien Tag und diesen verbringt er bewusst weit weg vom Kloster. Und Donnerstagnachmittags ist er jeweils an der Oberstufe Uznach anzutreffen, wo er Religionsunterricht erteilt. «Es war mir ein Anliegen, auch weiterhin mit Jugendlichen arbeiten zu können.» Wie haben die Jugendlichen darauf reagiert, dass ihr Religionslehrer ein Klosterbruder ist? «Sie waren sofort neugierig», so Hutter. «Bringen Sie mal die Kutte mit?», habe gleich ein Schüler gefragt. Diesen Wunsch hat Bruder Kletus prompt erfüllt, als sie sich im Unterricht mit Franz von Assisi beschäftigt haben. Manche Menschen gehen gerade deshalb ins Kloster, um fern der Hektik des Alltags zu Gott und sich zu finden. «Das war weniger meine Motivation. In einem kontemplativen Orden wäre ich wohl fehl am Platz.»

Vife Mitbrüder
Die geplanten drei Jahre im Kloster sind noch nicht um, doch Kletus Hutter hat jetzt schon eine Entscheidung getroffen: «Das Leben im Kloster sagt mir zu. Ich möchte diesen Weg weitergehen.» Er habe sich für das Noviziat in Salzburg entschieden, das im Herbst 2016 beginne. «Aber ich bin froh, dass es noch einige Jahre dauert, bis ich die Ewigen Gelübde ablege. Da fliesst noch viel Wasser den Rhein hinunter.» Die Ordensgemeinschaften leiden unter Nachwuchsmangel, das Kloster Rapperswil ist da keine Ausnahme. «Natürlich beschäftigt mich das», sagt Hutter, «doch ganz so extrem ist die Situation bei uns nicht, der Vorsteher des Klosters ist in meinem Alter. Und die älteren Mitbrüder hier erlebe ich als sehr vif und aufgestellt.» (ssi)

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