Einblicke

Sie finden hier ausgewählte Artikel aus der jeweils aktuellen Ausgabe des "Pfarreiforums".

Aus dem Glauben heraus leben

Im Gespräch mit Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln
«Miteinander die Glut unter der Asche entdecken»: Unter diesem Titel hat Martin Werlen (50), Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln SZ, eine Schrift veröffentlicht, die auf breite Wahrnehmung gestossen ist. Das Pfarreiforum wollte von ihm genauer erfahren, was denn Glut und was Asche ist im Glauben und Leben der Kirche heute.

Pfarreiforum: Abt Martin Werlen, Sie sagten kürzlich: «Meine Schrift <Miteinander die Glut unter der Asche entdecken> hat eine Bewegung ausgelöst; ich bekomme Reaktionen von Menschen, die merken, dass der Glaube wieder in ihr Leben zurückkehrt.» Erzählen Sie uns mehr darüber!

Werlen: Mich freut es, dass so viele Menschen wirklich die Glut des Glaubens wieder in sich selber wahrnehmen. Dass sie plötzlich entdecken: Etwas, das für mich erledigt war, beginnt in mir zu glühen, wenn ich diese Zeilen lese. Mittlerweile füllen die Reaktionen auf meine Schrift sieben Bundesordner. Ich erhielt Post von einem Schauspieler, der die Aufgabe hatte, meine Schrift für die Blindenbibliothek zu lesen. Er schrieb mir: «Auch ich bin einer der von Ihnen erwähnten aus der Kirche Ausgetretenen. Im Kern krankt es bei allen am selben, wie Sie, wie mir scheint, eindrücklich beschreiben. Wenn so über Glauben und Religion diskutiert wird, wie Sie das in Ihrer Schrift tun: theologisch, sich mit dem Leser unterhaltend und auseinandersetzend, ihn herausfordernd, um Inhalte diskutierend, ja, dann fängt es wirklich an zu glühen. Das ist aufregend.» Und zum Schluss schreibt er: «Ich grüsse Sie herzlich und mit kleinem Feuer, das Sie heute bei mir entfacht haben. Das ‹klein› meine ich nicht vermindernd. Die Glut ist da, bei vielen. Da bin ich mir nach dem Lesen Ihrer Schrift sicher.» Entscheidend ist, dass wir die Glut des Glaubens wieder wahrnehmen als Kraft, die in uns da ist!

Pfarreiforum: Sie bedienen sich einer sehr bildhaften Sprache. Sagen Sie uns konkret, was für Sie die Glut ist, die unter der Asche brennt. Und was für Sie Asche ist in der Kirche.

Werlen: Glut ist das, was christlicher Glaube ist, Beziehung mit Christus, Leben, Dynamik und Kraft. Asche sind Ausdrucksformen dieses Glaubens, die zu einer bestimmten Zeit aktuell waren, es aber mit der Zeit immer weniger sind. Ein Beispiel: Wenn wir im Kloster um Viertel nach elf ins Konventamt gehen, weil es Viertel nach elf ist, dann wird das zur Asche. Wenn wir uns aber treffen, um Christus zu treffen – dann ist das die Glut! Es ist aber nicht immer leicht auseinanderzuhalten, was Asche ist und was Glut. Ist eine volle Kirche am Sonntag: Asche oder Glut? Das kann man nicht einfach beantworten. Es kann Glut sein, wenn Menschen zusammenkommen, um miteinander Christus zu begegnen. Es kann Asche sein, weil man einfach zusammenkommt oder weil sozialer Druck da ist. Oder das Beten: Ist es Asche oder Glut? Es kann Asche sein, weil man einfach etwas tut, das getan werden muss, denn sonst hat man ein schlechtes Gewissen. Oder es kann die Pflege der Beziehung mit Christus sein, also Glut. Oder Gott lieben: Ist das Asche oder Glut? Es kann Glut sein, wenn es wirklich eine Beziehung ist, die lebendig ist. Es kann aber auch Asche sein. Wie es im ersten Johannes-Brief heisst: «Wenn jemand sagt, ich liebe Gott, aber seinen Bruder hasst, dann ist er ein Lügner.» Plötzlich merkt man, die Unterscheidung ist gar nicht so einfach. Vielleicht ist vieles, was wir als Verantwortliche in der Kirche zuerst einmal als Asche wahrnehmen, sehr wohl Glut. Wenn Menschen die Kirche kritisieren, weil sie an Dingen in dieser Kirche leiden: Das kann sehr wohl Ausdruck von Glut sein, obwohl wir es auf den ersten Blick als Asche beurteilen.

Pfarreiforum: Obwohl es eigentlich der Ausdruck einer enttäuschten Beziehung ist.

Werlen: Genau. Weil ihnen das Kirche-Sein ein Anliegen ist, kommt es so zum Ausdruck. Es ist nicht Gleichgültigkeit. Bei anderen, die uns Verantwortlichen in der Kirche vielleicht lieber sind, weil sie sich ruhig verhalten und nicht aufbegehren, können wir ihr Verhalten als Glut wahrnehmen. Dabei kann es jedoch völlig Asche sein, weil der Glaube nicht mehr lebt.

Pfarreiforum: Sie schreiben in Ihrer Publikation: «Es geht darum, heute Kirche zu sein, heute unseren Auftrag wahrzunehmen. Es geht nicht darum, uns dem Zeitgeist anzupassen. Es geht darum, den Zeitgeist wahrzunehmen, die Menschen in unserer Zeit zu lieben und das Evangelium zu ihnen zu tragen.» Wie soll die Kirche konkret den Zeitgeist wahrnehmen, ohne sich ihm anzupassen?

Werlen: Es ist nicht unsere Aufgabe, irgendein System zu verteidigen oder zu erhalten. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, den Menschen von heute Christus zu verkünden. Doch dafür muss ich den Menschen kennen lernen wollen. Ich muss die Situation kennen, in der ein Mensch lebt, ich muss seine Sprache kennen und den Zeitgeist, von dem der Mensch geprägt ist. Und in diese Situation Christus hineintragen. Verkündigung geschieht nie im luftleeren Raum! Sie ist immer ein auf den Menschen Zugehen, mit ihm im Dialog sein. Ich muss nicht zuerst die idealen Bedingungen haben, um dies zu tun. In dieser Versuchung stecken wir auch heute noch sehr stark. Denn in den letzten 1700 Jahren war es in vielen Ländern selbstverständlich, dass man zur Kirche gehörte. Man musste nicht irgendetwas dafür tun, es war einfach gegeben.

Pfarreiforum: Die Kirche war da geradezu verwöhnt . . .
Werlen: Ja, ganz klar. Indem das Christentum ab 312/313 zur Staatsreligion wurde, erhielt die Kirche Privilegien. Und diese brechen jetzt weg. Gott sei Dank! Denn das fordert uns heraus und bringt uns wieder viel näher zu dem, was in den ersten 300 Jahren des Christentums selbstverständlich war. Indem wir Privilegien verlieren, verlieren wir auch sehr viel an Asche, die uns lieb und selbstverständlich geworden ist. Gleichzeitig ist es aber auch ein Geschenk, weil wir herausgefordert sind, unter dem Verlust die Glut wieder zu entdecken – das, was wesentlich ist. Und zum Wesentlichen gehört eben gerade: den Menschen, so wie er heute ist, zu lieben, ihm zu begegnen und Christus zu verkündigen.

Pfarreiforum: Und wie soll die Kirche den Zeitgeist wahrnehmen?
Werlen: Wir müssen aus der Beziehung mit Christus leben und aus dieser Beziehung heraus den Menschen begegnen. Was hat Jesus Christus anderes gemacht? Er hat den Zeitgeist gekannt, die Nöte der Menschen, ihre Situation. Er hat ihre Sprache gesprochen. Er hat Gleichnisse verwendet, die dem Alltag der Menschen entnommen waren. Er hat nicht über sie hinweggesprochen und nie von oben herab. Das ist auch unsere heutige Aufgabe: Wir dürfen nicht von oben herab reden, sonst sind wir nicht mehr bei den Menschen und erst recht nicht mehr in der Nachfolge Jesu. Es ist übrigens beeindruckend, dass Jesus den Menschen nicht den Kopf wäscht, sondern die Füsse. Ausser den religiösen Führern, die er zurechtweist. Und Jesus ist bei den Sündern.

Das ist spannend. Diese Spannung müssen wir auch heute als Kirche leben. Alle Getauften. In erster Linie natürlich diejenigen, die besondere Verantwortung tragen in der Kirche. Sie sollen uns Vorbild sein auf diesem Weg.

Pfarreiforum: Viele von Ihnen dürften Angst haben, diesen Weg zu gehen.
Werlen: Ja, weil er ungewohnt ist. Während 1700 Jahren haben sich viele Dinge eingespielt und sind selbstverständlich geworden. Bricht das Gewohnte weg, so befürchten wir, dass damit auch der Glaube wegbricht. Aber dem ist nicht so. Weil wir aber nicht genau wissen, wie es weitergehen wird, provoziert eine solch radikale Änderung auch Angst. Umso wichtiger ist es, dass wir uns an Jesus Christus orientieren.

Pfarreiforum: Noch immer vermissen viele Frauen klare Signale der Kirche an ihre Adresse. Wie soll die Kirche die Asche in der Geschlechterfrage wegräumen?
Werlen: Es betrifft nicht nur die Geschlechterfrage, sondern auch viele andere Fragen: Stellen wir uns als Kirche nicht den aktuellen Herausforderungen und gehen wir diese Herausforderungen nicht aus unserem Glauben heraus an, dann erledigen sich viele Probleme auf tragische Weise. Dann erübrigt sich auch die Ökumene. Fahren wir so weiter wie bisher, verlieren immer mehr Menschen jede Freude an der Kirche. Dann müssen wir keine ökumenischen Bestrebungen mehr unternehmen. Besteht kein Interesse mehr daran, zur Kirche zu gehören, so brauchen wir auch nicht mehr über die Ökumene zu sprechen! In der Frage des Umgangs der Kirche mit den Frauen verhält es sich ähnlich, wenn man nicht willens ist, diese Frage ernsthaft anzugehen. Ist die Geschlechterfrage eine Glaubensfrage?

Ich kenne keine Glaubensanweisung und kein Gebot, welches nur für Männer gilt oder nur für Frauen. Ich kenne kein Dogma zur Geschlechterfrage. So viele Dinge in unserer Gesellschaft sind kulturgeprägt. Das ist an sich nichts Schlechtes. Problematisch wird es, wenn wir etwas Kulturgeprägtes dogmatisieren und sagen: Das ist Glaubenssache. Die Kirche lebt immer in einer konkreten kulturellen Situation, in die der Glaube hineinverkündet wird. In diesem Prozess der «Inkulturation » ist es dann aber auch wichtig zu unterscheiden, was ist Glaube, was kulturbedingt. Trifft man diese Unterscheidung nicht mehr und erklärt Kulturbedingtes unreflektiert zum Glauben, dann entsteht Asche. Dann wird man starr und bewegt sich nicht mehr.

Pfarreiforum: Glut ist also dort zu finden. wo etwas authentisch ist?
Werlen: Glut ist: aus dem Glauben heraus leben. Nicht einfach etwas leben, weil es immer so war, sondern aus dem Glauben heraus aktualisiert.

Interview: Josef Bossart/Kipa

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